Schulztuning: eine Legende lebt!

 

Bigfood Schulztuning Mercedes 124 Coupe auf G-Klasse-Fahrgestell

 

 

Nur wenigen dürfte heute die Firma Schulztuning ein Begriff sein. Vor allem in den 1980er und 1990er-Jahren genoss Erich Schulz einen weltweiten Ruf als Tuner und Veredler von Luxusfahrzeugen. Besonders Autos von Mercedes Benz wurden von ihm nach Kundenwunsch umgebaut. So entstanden einmalige Exemplare, die unter anderem im arabischen Raum bestellt wurden. Ende der 1990er-Jahre zog er sich aus Deutschland zurück und ging nach Paraguay. Nach seiner Scheidung erklärte ihn seine Frau für tot. Doch Totgesagte leben länger! Erich kehrte 2012 nach Deutschland zurück. Andreas Stahl (bekannt von den Ruhrpottschraubern) übernahm die Markenrechte und erweckt das Unternehmen zu neuem Leben.

 

Totgesagte leben länger!

 

G-Klasse Schulztuning für den Orient

 

Zu Beginn der 1980er-Jahre bis in die frühen 2000er war Schulztuning vielen Autoliebhabern ein Begriff. Seine aufsehenerregenden Umbauten wurden nicht nur in Deutschland populär. Auch international feierte Erich Schulz mit seinen Fahrzeugen Erfolge. Viele technische Entwicklungen gingen auf den Tüftler aus Korschenbroich zurück. Über 50 Patente meldete er an. Nicht wenige wurden von anderen Herstellern übernommen und werden noch heute verwendet.

Standard war gestern. Erich veredelte viele Autos. Insbesondere Mercedes-Benz hatten es ihm angetan. So entstanden legendäre Umbauten wie beispielsweise „Bigfoot“. Ein Mercedes 124 Coupe, welches auf das Fahrgestell einer G-Klasse gesetzt wurde. Auch G-Klassen mit 6×6-Antrieb und teilweise extreme Fahrzeugverlängerungen hatte Erich Schulz im Portfolio. Einige BMW, Range-Rover, Porsche, Nissan und andere Fabrikate modifizierte er ebenfalls. Es handelt sich bei den Fahrzeugen nicht um „ein wenig Tuning“, nicht um einen angeklebten Spoiler. Es waren tiefgreifende Änderungen technischer und optischer Art. Aus diesem Grunde durften sie auch nicht unter dem Markenzeichen „Mercedes“ geführt werden. Sie heißen „Schulz“ und erhielten sogar eigene Fahrgestellnummern und Logos!

Schulz-Fahrzeuge wurden bis in den arabischen Raum verkauft und auf Kundenwunsch konzipiert. Es gab dabei einige skurrile Details. Ein Jagdwagen erhielt beispielsweise einen hydraulisch hochfahrbaren Sitz, der einem kleinen Hochsitz für die Jagd nachempfunden wurde. Erich Schulz war immer einen Schritt voraus. Mercedes behauptete seinerzeit, dass ein Sechszylinder nicht in den Mercedes W 201 (190er) passen würde. Schulz bewies 1984 das Gegenteil und präsentierte einen Babybenz mit dem 6-Zylinder-Motor des W123 280E. Mercedes zog nach. Da hatte Schulz jedoch bereits einen Achtzylinder in das Mittelklasseauto verpflanzt. Mit diesem Wagen fuhr er einen Sieg bei der Cannonball-Europa Rallye 1984 ein.

Im Jahr 2000 verließ Erich Schulz Deutschland und wanderte nach Paraguay aus. Nach einer gescheiterten Ehe erklärte ihn seine Ex-Frau für tot. Doch 2012 kehrte der Tüftler quicklebendig nach Korschenbroich zurück. Heute ist Erich Schulz 83 Jahre alt und immer noch aktiv. Seine neuen Pläne setzt er nun mit dem neuen Eigner der Marke Schulztuning um. Andreas Stahl. Wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger! Zur Tuninglegende Erich Schulz plane ich später einen eigenen Artikel.

 

Ursprung der Tuningszene?

 

MB 190 gekürzt als Dreitürer Golfklasse

 

Erich Schulz verkaufte nicht nur komplette Umbauten. Er entwickelte auch einzelne Tuningelemente wie Spoiler und Karosserieverbreiterungen und bot sie über sein eigenes Netz von Filialen an. Auch andere Tuningfirmen, die zu der Zeit aus dem Boden sprossen, belieferte er. So kann man die Ursprünge des heute bekannten Edeltuners Brabus zum Teil auch Schulz zuschreiben. Auch die SGS Styling Garage und Gemballa, heute große Namen im Tuningsegment, belieferte er mit Teilen, die jeweils unter den entsprechenden Markennamen verkauft wurden.

Oft bekam die Firma Schulz auch den Auftrag, bereitgestellte Rohkarossen umzubauen. Verlängern, verbreitern und Ähnliches. Es sind also weitaus mehr Schulz-Fahrzeuge entstanden, als anzunehmen war. Nur nicht unter seinem Namen.

 

Vom „Hinterhof-„ zum Ruhrpottschrauber!

 

Andreas Stahl Schulztuning

 

Andy ist auch vor der Übernahme der Markenrechte von Schulztuning  im Januar 2025 kein Unbekannter. Seit vielen Jahren ist der in Herne geborene Andy in seiner eigenen Werkstatt aktiv und kümmert sich vorzugsweise um Oldtimer. Auch über das Fernsehen wurde er bekannt. Anfangs nahm er Vox mit der Sendung „auto mobil“ mit, um Scheunenfunde zu entdecken, zu bergen und zu restaurieren. 2023 bekam er mit seinem Mitstreiter Tom eine eigene Sendung. Die „Ruhrpottschrauber“ waren geboren. Hier konnte der Zuschauer in den Werkstattalltag der Oldtimerexperten eintauchen.

Angefangen hat er jedoch in einem völlig anderen Bereich. Gelernt hat er eigentlich in der Lebensmittelbranche. Zu Hause war Fahrzeugtechnik schon immer ein Thema und er schraubte damals bereits. Im Laufe der Jahre wurde es mehr und der Platz zu Hause reichte hinten und vorn nicht mehr. Zu seinem Glück entdeckte er 2008 die kleine Halle, in der er noch heute an automobilen Schätzen arbeitet. Etwa 80 bis 90 Prozent seiner Aufträge machen Reparaturen und auch manche Restauration von Oldtimern aus.

Andy war sehr viel unterwegs, um Scheunenfunde aufzutun. Als Ersatzteilspender oder um sie wieder auf die Straße zu bringen. Er war auch aktiv im Verleih von Filmfahrzeugen. Etwa 20 Fahrzeuge standen bereit für die Kamera. Wohl eine rentable Geschichte. Darauf wurde der TV-Sender VOX aufmerksam. Sie drehten eine kleine Sendung mit ihm. Später wurden dann 13 Folgen „Die Ruhrpottschrauber“ ausgestrahlt, in welchen es vor allem um Scheunenfunde ging. Irgendwann wurde es jedoch zu viel. Der zeitliche Aufwand mit den Dreharbeiten, das eigene Geschäft – das eigene Leben kam zu kurz.

 

Vom Ruhrpottschrauber zum Schulz-Tuner!

 

Scheunenfund Mercedes

 

Andy konzentrierte sich auf seine Scheunenfunde und begleitete dies mit einem eigenen Videokanal. Dann kam der erste Kontakt mit Erich Schulz. Kaum jemand erinnert sich an diese Firma, die doch zum Teil Meilensteine der Automobiltechnik entwickelt hat. Vor allem aus dem Grund, dass Erich Schulz meist im Hintergrund arbeitete. Viele Fahrzeuge baute er komplett um und übergab sie Kunden, die zum Teil selbst Tuningfirmen betrieben. Diese wiederum nahmen noch einige kleine optische Änderungen vor und verkauften sie als eigene Kreation. Nun kommt für Andy der schwierige Teil: die Marke Schulz wieder aufleben zu lassen!

 

Aller Anfang ist schwer!

 

Werkstatt von Andy Stahl Schulztuning

 

Einfach ist der Neustart nicht nur, weil der Name fast vergessen ist. Für Andy ist es ein kompletter Neuanfang. Aufgabe seiner Werkstatt in Herne, Einrichtung und Start der neuen, die sich im 90 Kilometer entfernten Korschenbroich befindet. Anfangs versuchte Andy, zweigleisig zu fahren. Doch zeitlich ist das nicht zu schaffen. Allein die 90 Kilometer Entfernung sind ein Problem. Insbesondere da die Strecke quer durchs Ruhrgebiet verläuft und im Berufsverkehr stundenlange Fahrzeiten verursachen kann. Andy stand vor einer großen Entscheidung!

Seine Halle in Herne hat er mit viel Liebe und Hingabe aufgebaut und betrieben. Natürlich hängt sein Herz daran. Auf der anderen Seite steht ein Neuanfang. Eine Chance, noch einmal von vorn durchzustarten. Die Entscheidung fiel Andy nicht leicht. Und doch wird er nun seine geliebte Werkstatt in Herne aufgeben und in Korschenbroich den Neuanfang, das Wiederaufleben der Marke „Schulztuning“, vorantreiben.

Er wird dort kaum noch Kundenfahrzeuge reparieren. Stattdessen möchte er an die Tradition des Hauses Schulz anknüpfen und Einzelstücke oder Sonderserien im Stil von Erich Schulz bauen.

Und es geht bereits voran. Auf der Techno Classica in Essen war Andy bereits mit Erfolg vertreten. Auf der Essen Motor Show vom 28.11. bis 07.12.2025 werden 2 Fahrzeuge vorgestellt. Eines davon wird verlost, wenn sein Videokanal die 150.000 Abonnenten erreicht. Dieses Jahr warten noch große Herausforderungen auf Andy. Aktuell ist er noch in seiner Werkstatt in Herne beschäftigt. An den Wochenenden arbeitet er bereits an Projekten in Korschenbroich. Und der Umzug seiner Halle steht auch noch an.

 

Es war einmal ein Autohaus (der härteste Scheunenfund)

 

Scheunenfund Ruhrpottschrauber Autohaus

Wie bereits erwähnt, waren Scheunenfunde einst ein nicht unerheblicher Teil in Andys Geschichte. Der wohl härteste Einsatz hatte es 2022 wirklich in sich. Es galt, ein ehemaliges Autohaus inklusive des dazugehörigen Grundstücks zu beräumen. Über 50 Fahrzeuge standen seit teilweise über 30 Jahren in einer Halle und im Freien. Davon 30 im Freien. Von Top bis Schrott war alles dabei. Darunter auch einige Exemplare, bei denen die Natur bereits begann, sie zurückzuholen. Schade, aber sei es drum. In der Halle taten sich jedoch die wahren Schätze auf. NSU Ro 80, Chevrolet Caprice, BMW 1502, VW Passat 1, Goggomobil-Coupé, ein Kübelwagen und viele mehr konnten geborgen werden. Die meisten befanden sich in gutem Zustand und wiesen recht geringe Laufleistungen auf.

Viele Aktionen dieser Art meisterten die Ruhrpottschrauber. Viele Fahrzeuge und Ersatzteile konnten so gerettet werden. Einige dieser Aktionen könnt ihr auf Andys YouTube-Kanal anschauen.

 

Anekdoten aus Andys Schrauberleben

 

Ford T-Modell 1927 wird restauriert

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da bekam Andy einen Anruf. Jemand hatte ein Schulz-Fahrzeug in seiner Halle stehen und wollte gern mehr darüber wissen. Das Auto stand bereits seit etwa 30 Jahren. Er schickte Bilder, auf denen ein 123er-Mercedes-Coupé mit DTM-Startnummern zu sehen war. Die Fahrgestellnummer ergab, dass es sich um ein Fahrzeug von 1986 handelte und es mit einem 5-Liter-Motor ausgestattet war. Die Maschine wurde jedoch erst zwischen 1986 und 1995 implantiert. Über den Betreiber der Rennserie erfuhr er mehr über den Wagen: Wer hat ihn wann bei welchen Rennen gefahren? Das Resultat? Andy ist ernsthaft am Überlegen, ob er den 123er kauft.

Bei der Räumung des weiter oben beschriebenen Autohauses ergab sich ein weiterer Fund. Der Besitzer verstarb unerwartet im Alter von nur 60 Jahren. Kinder waren keine vorhanden. Andy kaufte den Nachlass vom Verwalter und erklärte sich auch bereit, die Wohnung zu beräumen. Nach dem Öffnen der Tür war fast kein Hereinkommen. Lediglich ein schmaler Durchgang war vorhanden. Links und rechts stapelten sich Zeitschriften, Hefte, Kalender, Kataloge und Bücher bis zur Decke. Doch kein unsortierter Müll, sondern alles Literatur rund um Autos und Motorräder. Material aus den 1960ern bis 2000ern. In seinem verhältnismäßig kleinen Lager liegen sie nun und warten darauf, entdeckt zu werden. Rund 400 Umzugskartons, gefüllt mit mancher Rarität.

 

Ein ganz besonderer Abschlepper!

 

Opel Bedford Blitz Schulztuning

 

Andreas besitzt ein ganz besonderes Auto. Bei einer abendlichen Googlesuche im Jahre 2012 entdeckte er bei Autoscout24 einen LKW mit einem Opel-Emblem von 1976. Die Beschreibung sagte: Bedford Blitz. Das Interesse war geweckt. Am darauffolgenden Sonntag fuhr er nach Bottrop und schaute sich das Fahrzeug an. Er stand, durchgerostet und bis zum Dach zugewachsen, auf einer Wiese. Eigentlich das Aus. Andy wollte ihn nicht kaufen, doch er ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Mehrfach fuhr er noch dorthin, redete mit dem Besitzer und erwarb ihn schließlich doch. Andy überlegte, wie er das Häufchen Elend nach Herne bekommt. Der Besitzer meinte: „Wir machen da rote Nummern dran und fahren den mit Dir nach Herne!“. „Das Ding fährt?“

Und er fuhr tatsächlich. Innerhalb der nächsten zwei Jahre restaurierte Andy den Abschlepper. In den ersten Jahren wurde er auch für seinen ursprünglichen Zweck genutzt. Heute meist nur zu Oldtimertreffen oder Filmaufnahmen bewegt. Es stellte sich heraus, dass der LKW von Opel als Transportfahrzeug genutzt wurde, um Erlkönige und Testwagen zu transportieren. Es ist ein Einzelstück aus dem Opel-Werk Bochum. In der neuen Werkstatt in Korschenbroich wird der Bedford keinen Platz mehr haben. Andy wird ihn zum Kauf anbieten. Ein Video zum Opel findet ihr hier.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Andy bedanken. Schön, Dich kennengelernt zu haben! Wir bleiben in Kontakt. Schließlich will ich (und vielleicht auch die Leser) erfahren, wie es mit Schulztuning weitergeht.

Gern lese ich auch eure Kommentare!

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