Vom Wanderer W23 zur Staatslimousine: Ein Schicksalskauf!
In einer sächsischen Kleinstadt traf ich Monika. Eine rüstige Dame mit 83 Jahren. Ihren heutigen Oldtimer, einen Volvo 760 Executive (verlängerte Limousine aus dem Fuhrpark der DDR-Staatsführung), erwarb sie 1991 eher zufällig. Monika schwor ihrer Mutter, die sie beim Kauf unterstützte, das Auto in Ehren zu halten und niemals zu verkaufen. Der Schwur gilt noch heute. Der Volvo ist noch immer in ihrem Besitz und wird auch gefahren. Vieles hat Monika erlebt. Gutes wie auch Schlechtes. Nicht nur der Volvo wird in diesem Artikel beleuchtet. Auch Ihren automobilen Weg vom Wanderer W23, Simca 5 und Mercedes W123 werde ich erzählen.
Ein bisschen was zu Erich Honeckers Fuhrpark
Der Schatz in Monikas Garage ist ein topgepflegter Volvo 760 Executive, gebaut im Juli 1984. Das Fahrzeug wurde auf Bestellung der DDR-Regierung hergestellt. Die Standardlimousine wurde um etwa 16 Zentimeter verlängert. Diese Verlängerung macht aus dem Fußraum zwischen Vordersitzen und Rücksitz beinahe einen Tanzsaal. Ab 1983 wurden etwa 70 dieser Fahrzeuge an die DDR ausgeliefert. Genutzt wurden sie vorwiegend durch den Ministerrat der DDR-Staatsführung und andere wichtige Persönlichkeiten. Ab 1986 folgte eine nochmals längere Version. Rund 120 Zentimeter länger als der Standard-Volvo brachte es die Staatslimousine auf mächtige 6 Meter!
Ungewöhnlich, aber die Volvos der DDR-Regierung verfügten nicht über die Luxusausstattung der Autos anderer Regierungen. Lederausstattung oder gar eine Minibar waren nicht vorhanden. Stattdessen die gehobene Serienausstattung mit Klimaanlage, Volvo-Soundsystem, Automatikgetriebe und Tempomat. Lediglich Leselampen im Fond und ein nachgerüsteter DDR-Feuerlöscher waren zusätzlich vorhanden.
Angetrieben wurden die Volvo-Limousinen durch den sogenannten „PRV-Motor“. Ein Sechszylinder mit 156 PS, später in der Stretchlimousine auch 170 PS. Dieser Motor wurde in Zusammenarbeit mit Peugeot und Renault entwickelt und auch von diesen Herstellern genutzt.
Das erste Auto: Kurzes Glück!
Anfang der 1960er Jahre war Monikas Wunsch nach einem Auto groß. 1963 (Monika war 20 Jahre jung) fand ihr damaliger Mann ein Inserat. In Magdeburg wurde ein Wanderer W23 (Ende der 1930er Jahre gebaut) zum Kauf angeboten. Das gute Stück sollte reparaturbedürftig, aber fahrbereit sein. Nichts wie hin!
Gesagt, getan. Monika fuhr mit ihrem Mann und dem Ersparten nach Sachsen-Anhalt. Der Verkäufer, ein netter Mann, zeigte ihnen den Wanderer. Ein schönes und großes Auto. Monika fühlte sich wie eine Königin! Der Verkäufer setzte sich in das Fahrzeug und warnte vorab: „Passen Sie auf! Es stand schon etwas länger. Da kann es natürlich passieren, dass Sie eventuell irgendwo stehen bleiben.“ Monikas Mann war sich sicher: „Das kriege ich schon hin!“.
Der Verkäufer versuchte, den Wagen zu starten. Es funktionierte nicht. Vermutlich war ein Riss im Motorblock oder eine defekte Zylinderkopfdichtung die Ursache, aber das ließ sich letztendlich nicht mehr sicher sagen. Monikas Mann meinte, dass es vielleicht helfen könnte, Wasser nachzufüllen. Der Versuch brachte den alten Wanderer tatsächlich zum Laufen. Das Auto war gekauft und die beiden machten sich auf die Heimreise. Nicht ohne große Schwierigkeiten! Dennoch war Monika bei der Abfahrt glücklich und stolz.
Nach nur 1,5 Kilometern meinte Monikas Mann, dass doch noch etwas Wasser aufgefüllt werden sollte. Sie fragten einen Anwohner nach einem Eimer Wasser und bekamen ihn auch. Die nächsten 10 Kilometer ging alles gut. Dann das gleiche Spiel. So ging es bis Leipzig. Mittlerweile war es Nacht und die Leute, die die beiden nach Wasser fragten, wurden zunehmend unfreundlicher. Der letzte und endgültige Stopp war in einem Leipziger Park. Die Entscheidung fiel: Das Auto bleibt hier stehen, wir fahren mit der Straßenbahn zum Bahnhof und dann heim. Um den Wanderer kümmern wir uns später.
Am nächsten Tag sagte Monika zu ihrem Mann, dass er das Auto doch holen sollte. Dass er einen Freund mitnehmen soll und den Wagen mit dem Traktor abschleppt. Es passierte nicht. Das Auto stand weiterhin mitten in der Parkanlage. Derweil wurde der Verkäufer des Wanderer ausfindig gemacht. Dieser gab Auskunft über den Verkauf und natürlich den Käufer. Ein Brief mit der Aufforderung, das Fahrzeug abzuholen, und einer saftigen Strafe folgte. Monikas Mann kümmerte sich auch darauf nicht um den Wagen. Die Folge: Der Wanderer wurde durch die örtliche Behörde abgeschleppt und entsorgt und es kam eine Rechnung dafür.
So endete der Erwerb von Monikas erstem Auto in einem Desaster.
Der Traum von der Ostsee!

1969 oder 1970, Monika war geschieden und hatte vier Kinder. Viel Geld war nicht vorhanden. Mühsam hatte sie dennoch etwas Geld zur Seite gelegt. Immer wieder hatte sie das Kleingeld, welches sie beim Einkaufen zurückbekam, gespart. Immerhin kamen so 850 Mark zusammen! Eines Tages kam ein guter Bekannter und meinte: „Du, Monika, du wolltest doch immer ein Auto haben. Oben auf dem Berg verkauft jemand einen Simca-Fiat!“. Monika fragte den Bekannten nach dem Preis. Genaues wusste er nicht, meinte aber etwa 800 Mark. Das passte gut und Monika entschied sich, den Verkäufer aufzusuchen.
O-Ton Monika: „Und? Da bin ich dahin und habe geklopft.“
Verkäuferin: „Ja, der ist noch zu haben. Der steht jetzt aber bei meinem Schwager hinten. Da müssten sie mal hintergehen.“
Monika: „Es ist bei uns hier unten in der Stadt gewesen und die kannte ich auch noch. Ich sagte auch: „Wenn sie wüssten, wie sich da meine Kinder freuen werden …“
Verkäuferin: „Ja, dann können sie morgen kommen und können den Simca holen.“
Monika ging am nächsten Tag voller Stolz zur Verkäuferin. Mit der Brieftasche voller Geld. Und das Auto? Ihr wurde noch gezeigt, wie der Simca gestartet und bedient wird. Da sie bis dahin nie allein gefahren ist, zeigte es ihr der Schwager der Verkäuferin.
Sie bedankte sich, bezahlte mit ihrem Ersparten und fuhr nach Hause. Monika war glücklich. Zu Hause am Straßenrand warteten bereits ihre vier Kinder. „Oh Mutti! Du kommst mit dem Auto!“ Sofort wurde die erste kleine Fahrt mit den Kindern unternommen. Auch die waren stolz wie Oskar! Alles verlief gut. Der Simca fuhr wunderbar.
Am nächsten Tag sollte es an die Ostsee gehen. Ein lang ersehnter Traum. Dort waren sie noch nie! In der Früh traf sie einen Kollegen ihrer Mutter. Der meinte nur: „Mensch, was hast Du denn da für ein altes Ding?“ Monika antwortete: „Hör auf, das habe ich mir gestern gekauft!“ Der Mann schaute unter die Motorhaube und meinte: „Monika, der Motorblock ist gerissen! Da wurde drüber geschmiert!“. Verunsichert dachte sich Monika: „Besser doch noch eine kleine Probefahrt!“. Gesagt, getan. Sie fuhr rund drei oder vier Kilometer. Auf der Spitze eines kleinen Berges versagte das Auto jedoch seinen Dienst. Ein Bauer, der auf sein Feld wollte, kam mit zwei Pferden vorbei. Nach einem erfolglosen Versuch, das Auto zu starten, erklärte er sich bereit, Monika bis zur Stadtgrenze zu bringen. Geld wollte er keines dafür haben.
An der Stadtgrenze ließ Monika ihren Simca stehen und lief nach Hause. Sie legte sich hin und weinte in die Kissen: „Mensch, heute wolltest du doch mit den Kindern an die Ostsee!“ Ihre Kinder schoben den defekten Wagen dann, mit Unterstützung von Freunden, nach Hause. Das Thema Ostsee hatte sich vorerst erledigt. Doch was ist nun mit dem Schrotthaufen?
Wütend setzte sich Monika am folgenden Tag auf ihre Simson KR 50 und fuhr zum Verkäufer des Simca.
Die Frau war im Hof. „Was haben Sie mir hier verkauft?“ Die Verkäuferin reagierte mit einem wütenden „Wieso?“. Monika schnappte die Verkäuferin am Kragen und ging die Treppen hoch zu ihrer Wohnung. „Und jetzt das Geld raus! Das Geld raus! Ich habe vier Kinder, ich habe gespart! Schämen Sie sich nicht?“. Ja, Monika hatte sich das Geld vom Munde abgespart und wollte ihren Kindern etwas Gutes tun. Nach kurzer Diskussion gab die Verkäuferin das Geld heraus. Nicht ohne Drohung. Sie ging vor Gericht. Dieses entschied jedoch zugunsten von Monika.
Wilde Wendezeiten
1989, zur Wendezeit, betrieb Monika eine Gartengaststätte. Turbulent ging es damals wohl überall in der damaligen DDR zu. Viele suchten ihr Glück im Gebrauchtwagenhandel oder gar mit Schneeballsystemen. Letzteres betrog viele arglose Menschen im Osten um ihr hart erspartes Geld. Eines Tages, kurz nach dem Mauerfall, kam jemand in Monikas Gartenlokal und fragte, ob er dort eine Veranstaltung abhalten könne. Na klar, Monika war Geschäftsfrau und freute sich über jeden Kunden (wie wohl viele Gastronomen zu dieser Zeit). So fanden im Gartenlokal einige gut besuchte Veranstaltungen statt, bei denen es um das Schneeballsystem ging.
Zuvor hatte sie, nach langer Wartezeit, ihren neuen Trabant 601 bekommen. Den hatte sie wiederum eingetauscht gegen einen weißen Lada. Der Strukturvertriebler (Verkäufer des Schneeballsystems) sah den Lada und meinte: „Na Mädchen, ich habe einen wunderbaren Mercedes! Der passt viel besser zu dir!“. Sie dachte sich: „So ein Mercedes, das wär schon was.“ Sie ließ sich schnell überzeugen und tauschte ihren Lada gegen den weißen Mercedes 230 D (W123) mit Ledersitzen.
Doch wirklich von Dauer war auch dieser Wagen nicht.
DDR in Auflösung: Wie ein Volvo 760 sein trautes Heim fand!
Eines Tages meldete sich Monikas Tochter aus Strausberg (bei Berlin) und fragte nach einigen Dingen, die sie benötigte. Monika entschied sich, ihr die Sachen aus der sächsischen Kleinstadt zu bringen, und fuhr mit dem Mercedes in Richtung Straußberg. Mit an Bord: Monikas Schwiegersohn. Ein gelernter Kfz-Schlosser. Keine 20 Kilometer vorm Ziel streikte der Benz. Der Schwiegersohn konnte den Fehler nicht orten und so wurde der ADAC gerufen. Es war Samstag und die Wahrscheinlichkeit, eine offene Werkstatt zu finden, war gering. Die erste Werkstatt konnte nicht helfen. Durch einen Tipp konnte eine Werkstatt in Berlin ausfindig gemacht werden. Eine schnelle Diagnose brachte die schlechte Nachricht, dass man nicht viel für sie tun könne. Der Mercedes war nicht mehr zu retten.
Etwas abseits entdeckte Monika einige schöne, dunkelblaue Limousinen von Volvo und war sofort begeistert. Sie fragte einen der Mechaniker, ob die Autos zu verkaufen wären Sie war sich sicher, dass sie es sich nicht leisten könnte, war aber sehr interessiert, etwas über den Preis zu erfahren. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nichts über die Historie des Volvo. Der Mechaniker verwies sie ins Büro. Dort könne man ihr weiterhelfen.
Der Chef der Werkstatt erklärte ihr: „Das sind die Wagen von unserem Erich.“ Auf die Frage nach dem Preis antwortete er und sagte dazu, dass diese Fahrzeuge auch immer sehr großen Durst haben. Monika war sich bewusst, dass sie sich einen solchen Wagen nicht mit den vorhandenen finanziellen Mitteln leisten konnte. Eine Idee hatte sie dennoch. Sie bat, eines der Autos für eine Woche zu reservieren. Sie fuhr nach Hause und redete mit ihrer Mutter.
Am nächsten Tag gingen die Eltern von Monika, beide Rentner, zur Bank und erhielten den nötigen Kredit. Das Geld erhielt Monika mit den Worten: „Das ist mal dein Erbe von mir.“ Eine große Geste in einer Familie, die nie Reichtümer anhäufen konnte! Überglücklich konnte Monika ihren Traumwagen aus Berlin abholen.
Auch wenn sie viel Geld für den Volvo ausgegeben hat, auch nach dem Kauf, hat sie ihrer Mutter geschworen, ihn im Leben nicht zu verkaufen.
Und ja, auch ein alter Volvo hat mal seine Wehwehchen. Eines Tages hatte der Sechszylinder einen Motorschaden. Die ansässige Werkstatt konnte den Fehler jedoch nicht finden. Die Sache war so komplex, dass der Wagen in die deutsche Volvo-Zentrale nach Köln gebracht wurde. Doch auch dort konnte das Problem nicht auf die Schnelle gelöst werden.
Zwischenzeitlich erfuhr Monika zudem noch von einer Krebsdiagnose ihres damaligen Mannes. Nach zwei Wochen rief sie Volvo in Schweden an und erzählte ihre Geschichte. Volvo wurde sofort aktiv und schickte einen guten Gebrauchtmotor nach Köln. Kurze Zeit später bekam Monika ihren 760er voll fahrbereit zurück. Eine Sache, die mich als ausgesprochenen Volvofan sehr beeindruckt hat: Volvo übernahm sämtliche Kosten der Reparatur!
Das Interview mit Monika war sehr emotional. Ich habe gespürt, wie sehr Monika an diesem Auto hängt. Es ist das Erbe ihrer Mutter. Sie selbst sagt abschließend: „Ehre und Liebe. Es gibt nichts, was ich wirklich bis zuletzt behalten würde. Alles andere ist mir nichts wert.“
An dieser Stelle möchte ich mich bei Monika und ihrem Lebensgefährten bedanken, die sich die Zeit für ein ausführliches Interview genommen haben und mich sehr gastfreundlich empfingen. Wir bleiben in Kontakt!
Wie steht ihr zu euren Oldtimern? Seht ihr die Beziehung zu euren Fahrzeugen ähnlich emotional? Schreibt es gern in die Kommentare! Du hast selbst eine Geschichte zu erzählen? Dann würde es mich sehr freuen, wenn Du Dich meldest!






Deine Darstellung ist sehr gut. Sicher ist so eine Story nicht alltäglich. Hier spielt das nicht immer leichte leben in der DDR eine große Rolle. Auch der zum Teil sehr unseriös geführte Autohandel wird sichtbar. Welch ein Glück das alles noch ein gutes Ende gefunden hat.
Ja, das war eine spannende Geschichte. Auch das Interview hat viel Spaß gemacht!
Die Darstellung und Fachkompetenz ist sehr gut. Sicher eine nicht alltägliche Story. Leider mussten viele aus der ehemaligen DDR diese Erfahrungen machen.Es war ein großer Glücksfall an ein solches Fahrzeug herabzukommen.